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2025

Kunst zwischen Hoffnung und Zweifel NWZ Journal 6.12.2025

Karin Eickenberg

Kunst zwischen Hoffnung und Zweifel

Karin Eickenberg  NWZ Journal 6.12.2025

Diese Gesichter vergisst man nicht! Aus übergroßen Augen schauen sie uns an, mal unsicher fragend, mal selbstbewusst, neugierig, voller Hoffnung oder Traurigkeit. Es ist, als lassen sie uns direkt in ihre Seelen schauen. Sie erzählen, wer sie sind und was sie bewegt, von zutiefst menschlichen Gefühlen und von ihrer in der jüdischen Tradition verwurzelten Geschichte. Nicht jeder hält diese Blicke aus. Denn sie stellen Fragen, die auf Antworten drängen. Nach Mitgefühl, Akzeptanz und einer friedlichen, gerechten Welt.

Menschen und das humanistische Judentum sind die zentralen Themen des freischaffenden Malers Gennady Karabinskiy. Er wurde 1955 in Baranowitschi, einer kleinen Stadt in Weißrussland, geboren. Schon als Kind und später wurde er mit Antisemitismus und offener Diskriminierung konfrontiert.

„Als Putin an die Macht kam, sagte ich zu meiner Frau: Wir wandern aus,“ erzählt er. So kam er vor gut zwanzig Jahren nach Deutschland und lebt seitdem mit Sofia in einer kleinen Wohnung nahe der Oldenburger Innenstadt. Seine Kunst hat er dem jüdischen Volk gewidmet. „Es ist mir wichtig, die Tradition der jüdischen Kultur des Denkens und des Bildes, die jüdische Vorstellung von Ästhetik und Harmonie sowie den Humanismus des Judentums zu bewahren und fortzusetzen,“ stellt er fest. Darin sehe er nicht nur seine Passion als Maler sondern auch eine gesellschaftliche Verpflichtung.

Wer die Karabinskiy‘s besucht, wird herzlich empfangen und ist sofort mittendrin in ihrem Leben. Wie nicht anders zu erwarten, dreht sich hier alles um die Kunst. Schon im Flur reihen sich zahlreiche Plakate des im In- und Ausland bekannten Malers. Überall hängen, stehen, stapeln sich die aktuellen Werke auf Leinwand, Karton und Papier. Natürlich auch in der Küche, wo Gennady schon frühmorgens ab Fünf seine ersten Skizzen und Farbkompositionen entwirft. Rund 200 Bilder entstehen pro Jahr. In Öl- und Temperafarben, Acryl und Tusche, mit Ölkreide und als Lithografie. Und es kommen laufend neue hinzu! „Wenn ich nicht male, bin ich krank,“ sagt er und schmunzelt. Ob es ihnen nicht irgendwann zu eng in der Wohnung wird? „Aber nein“, meint Sofia, die alles rund um seine Malerei organisiert, „es ist wie mit guten Freunden – wir finden Platz für jeden!“

Wir gehen ins Atelier. Gennady bereitet sich gerade auf die nächste Ausstellung vor. „Vorsicht, Ölfarbe,“ warnt er und weist auf die noch nicht ganz trockenen Gemälde. Auf einem Tisch ausgebreitet liegen etwa zwanzig kleine Portraits. Jedes zeigt ein Gesicht mit ausgeprägter, individueller Physiognomie. Doch weder die Persönlichkeiten, noch Formen oder Farben sind real. Karabinskiy malt innere Zustände, ganz im Sinne des Postimpressionismus. Wie bei dem berühmten Maler Paul Gauguin aus dem 19. Jahrhundert sind seine Darstellungen poetisch verformt und verändert, alles dient dem Ausdruck von Emotionen, ist Symbol und Metapher. So auch die ungemein kraftvollen, leuchtenden Farben. Was auf den ersten Blick eher hell und heiter wirkt, hat im jüdischen Symbolismus eine tiefe Bedeutung. Die Farbe Gelb könne zum Beispiel für Antisemitismus stehen, Rot für Macht, Blau für den Glauben und Weiß für Reinheit und Frieden, erklärt der Maler. So betrachtet ergeben sich vollkommen andere Bildaussagen.

Der Blick wandert weiter. Große Gemälde, ganz nah und intensiv, fesseln den Blick. Man sieht Menschen im jüdischen Alltag, oft in Verbindung mit symbolischen Gegenständen oder in Traumszenen mit Häusern, Bäumen, Blüten und Früchten. Auf einer Staffelei am Fenster wartet das Werk „Duett“ auf seine Fertigstellung. Hier arbeitet der Künstler reliefartig mit einem Spachtel, wobei er jede Farbe aus unterschiedlichsten Tönen zusammensetzt. Zu sehen sind ein Junge und ein Engel, die gemeinsam Flöte spielen. Die Flöte symbolisiert ein Gebet oder die menschliche Seele. - Eine fast paradiesische Szene, könnte man meinen. Doch irgend etwas stört das Zusammenspiel. Gennady deutet auf den himmlischen Boten. Die Farbe seiner Flöte ist rot. Eine Warnung. Vor Aggression, vor Gewalt, vielleicht sogar Krieg?

Karabinsky‘s Werke wollen nicht einfach nur gesehen sondern verstanden werden. Sie haben etwas zu sagen, wollen einen Dialog mit dem Betrachter führen. Jeder Blick aus großen Augen wirbt für ein achtsames und liebevolles Miteinander. „Wir müssen lernen, uns gegenseitig zu akzeptieren und miteinander auszukommen,“ so seine Überzeugung, „ganz gleich, welchem Volk oder welcher Religion wir angehören.“ Mit Sorge betrachtet er die zunehmenden Gleichgültigkeit und Radikalisierung in der Welt. Auch den wieder erstarkenden Antisemitismus. „Ich wünsche mir, dass die Menschen irgendwann aufhören, sich zu hassen und dass sie Verantwortung übernehmen für alles, was passiert.“ Mit jedem Kunstwerk möchte er ein kleines Licht der Hoffnung anzünden. Trotz aller Zweifel. Und so malt er weiter. Immer wieder Menschen. Immer wieder Köpfe. Am liebsten sechs Millionen. Damit kein Jude, der im Holocaust ermordet wurde, vergessen wird…